Interview: Helden des Alltags

Die Angst vor dem Ausgeliefertsein

Gerald Weßel 13.04.2020 Link zum Artikel

Dagmar Westendorf hat vor der Corona-Krise eine neue Selbsthilfegruppe gegründet. Nun bietet sie psychisch kranken Menschen während des Kontaktverbots telefonische Hilfe an.

Dagmar Westendorf hat vor der Corona-Krise eine neue Selbsthilfegruppe gegründet. Nun bietet sie psychisch kranken Menschen während des Kontaktverbots telefonische Hilfe an. (INGO MOELLERS)

Wie haben Sie vor der Corona-Krise Menschen geholfen?

Dagmar Westendorf: Neben meiner politischen Arbeit im Umfeld der Tagesklinik in Delmenhorst und meiner Tätigkeit als Ex-In-Genesungsbegleiterin in Bremen habe ich zuletzt in Delmenhorst begonnen, eine Selbsthilfegruppe aufzubauen, doch diese hat nur einmal im März stattfinden können. Dann kam leider die Corona-Krise und das Kontaktverbot, weswegen wir uns natürlich nicht mehr treffen können. Und wir waren auch noch nicht so lange als Gruppe unterwegs, als dass wir nun direkt die persönlichen Kontakte austauschen konnten. Das ist besonders schade, da die Gruppe ganz neu gewesen ist und solch ein Neuanfang besonders für psychisch Erkrankte immer besonders schwer ist.

Was tut eine Ex-In-Genesungsbegleiterin?

Ex-In steht für Experience Involvement. Dabei geht es, grob gesagt, um den Prozess, bei dem aus Erfahrung Wissen wird. Eine Ex-In-Genesungsbegleiterin nutzt ihre eigene Vergangenheit und Erfahrungen mit den eigenen psychischen Erkrankungen, um diese zur Hilfestellung anderer einzusetzen. Hierfür durchläuft man eine einjährige Ausbildung, die sich deutschlandweit absolvieren lässt und in der halt diese individuellen Erfahrungen zu zur Hilfe einsetzbarem Wissen werden.

Sie möchten Menschen auch in der aktuellen Situation mit psychischen Erkrankungen auf einen anderen Weg helfen?

Ja, denn diese Krise ist für sehr viele Menschen in ganz besonderem Maße ein sehr großes Problem. Nicht nur Selbsthilfegruppen, wie die von mir aufgebaute, sondern auch viele weitere Gelegenheiten zum Treffen und zum persönlichen Austauch sind ja weggebrochen. Auch Angebote wie Tagesstätten oder einfach die Möglichkeit, sich mit einem Bekannten in ein Café zu setzen, fallen weg. Ich biete deshalb eine telefonische Gesprächszeit an.

Wann findet die statt und wie läuft diese ab?

Die Sprechzeit findet jeden Tag, auch am Sonnabend und Sonntag, von 17 bis 19 Uhr statt. Noch kann ich das leisten, da ich noch keine sehr große Anzahl an Anrufen erhalte.Das ganze ist kostenlos, also bis auf die Kosten, die durch einen normalen Anruf auf ein Handy entstehen. Und das Angebot richtet sich an alle Menschen, die Sorgen und Nöte haben und besonders an die, die durch eine psychische Krankheit belastet sind. Die Themen sind offen. Es kann um quasi alles gehen und ich muss auch noch keine zeitliche Begrenzung pro Gespräch geben.

Von welchen Problemen haben Ihnen die Menschen während der Sprechzeiten bisher so erzählt?

Sie erzählen von ihren psychischen Erkrankungen, sie erzählen, wie alleine sie sind oder sie erzählen auch einfach nur, dass sie jemanden zum Sprechen brauchen. Die Vielfalt ist schon jetzt groß. Manche berichten auch, dass sie ihren 450-Euro-Job verloren haben, da diese den Beginn der Krise ja oft nicht überdauert haben. Viele haben da jetzt wirklich Geldprobleme, da ihnen der Zuverdienst fehlt. Manche leiden aber auch ausdrücklich unter Ängsten oder Panikattacken, die natürlich in dieser Zeit, wenn es um eine ansteckende Krankheit geht, besonders verstärkt sind. Denn die Leute trauen sich ja noch weniger raus als eh schon und möchten zum Beispiel auch gar nicht mehr einkaufen gehen. Sie erzählen aber auch von den Ängsten, Rückschritte zu machen.

Geld ist also auch ein großes Thema?

Ja, natürlich. Es ist das bisher prominenteste, also neben der Angst, rauszugehen. Es ist tragisch, es werden leider eine ganze Menge Leute auf der Strecke bleiben, die dann vom Jobcenter abhängig sein werden. Und was das bedeutet, das wissen wir. Förderlich für irgendeine Art von psychischer Erkrankung ist solch eine Drucksituation sicher nicht. Und die Angst vor dem Ausgeliefertsein spielt bei vielen eine große Rolle.

Wie versuchen Sie diesen Menschen mit ihren Ängsten zu helfen?

Ich leite den Blick der Betroffenen auf die Dinge, die ihnen am Tag gut tun. Denn den Menschen bricht die letzte Struktur weg, die sie vielleicht noch hatten. Aber es findet sich immer etwas Positives, was an dem Tag gut gelaufen ist. Das kann quasi alles sein, und so kann auch alles einen Rahmen geben. Das ist aber sehr individuell und das versuche ich mit den Menschen zu finden. Dabei hilft mir der Recovery-Ansatz, den ich durch Recovery-Gruppen gelernt habe. Bei Ängsten wegen Corona versuche ich vor allem den Blick von anderen weg und eben auf die Möglichkeiten des Ängstlichen zu lenken. Es soll nicht darum gehen, was die  anderen machen, die einen damit vielleicht gefährden, sondern darum, wie sich derjenige, der Angst hat, verhalten kann, um sich selbst zu schützen. Ich versuche den Anrufern Kontrolle und ein Stück Macht zurückzugeben. Und ich verweise dabei natürlich oft auf die Informationen zur Hygiene von den Gesundheitsämtern.

Was kann die Politik tun, um Menschen in Zeiten wie diesen zu unterstützen?

Präventionsarbeit leisten. Ich denke, eine dramatisch bessere psychosoziale Aufklärung bezüglich psychischer Erkrankungen würde deutschlandweit, aber vor allem auch hier in Delmenhorst, helfen. Psychische Erkrankungen müssen thematisiert und auch von der breiten Öffentlichkeit als Krankheit anerkannt und auch ein Stück weit verstanden werden. Wir müssen mehr über Erkrankungen psychischer Art reden, sie dürfen einfach kein Tabu mehr sein. Nur durch breit verfügbares Wissen, Verständnis und Rücksicht für und aufeinander können wir Menschen für Krisen stärken. Und ein jeder Mensch kann in psychische Krisen geraten. Niemand ist davor sicher.

Würde ein befreiendes Grundeinkommen helfen, viele der Ängste zu nehmen?

Definitiv, gar kein Zweifel. Druck ist bei psychischen Problemen das Schlimmste. Es verstärkt die Symptome.

Das Interview führte Gerald Weßel.

Zur Person

Dagmar Westendorf (51)

ist Ex-In-Genesungsbegleiterin und bietet anstatt der vor der Corona-Krise angelaufenen Selbsthilfegruppe nun eine telefonische Sprechzeit für psychisch Erkrankte an.

Zur Sache

Telefonische Gesprächszeit

Für alle Menschen mit psychischen Problemen, die derzeit aufgrund der Schließungen von Begegnungsstätten, Nachbarschafts- und Seniorentreffs zu Hause bleiben müssen, bietet Dagmar Westendorf, Genesungsbegleiterin der Selbsthilfegruppe für psychische Erkrankungen, ehrenamtlich und anonym eine Telefonhotline an. Sie ist jeden Tag, auch am Wochenende, unter der Telefonnummer 01 52 / 06 36 56 94 zu erreichen. Thematischer Schwerpunkt ist die seelische Betroffenheit und Einsamkeit. Es handelt sich aber nicht um ein therapeutisches Angebot. Außerdem ist es auch ausdrücklich keine Infohotline rund um das Coronavirus.